Natürlich denkt man bei Vierne, dem Vermittler zwischen Franck, Widor und den französischen Orgelmeistern des 20. Jahrhunderts, zuerst an seine Orgelwerke und ihr öfter mächtiges Gebraus. Als Pianist indessen – er beherrschte, wie bei unseren Nachbarn lange fast obligatorisch, beide Instrumente – zeigt er sich völlig anders: überraschend lyrisch und verhalten, meist geradezu intim-häuslich und angelehnt an die Traditionen des französischen Divertissements und leicht fasslicher Salonmusik. Ein einziges Mal, im ersten der Nocturnes op. 34, strebt die Musik sinfonisch-orgelhafte Größe und Fülle an – und erreicht sie mit einer majestätischen nächtlichen Kathedralenvision, doch selbst hier ohne dramatische Verdichtungen. Ansonsten ist in diesem Album, das seinem Schaffen von der Jahrhundertwende bis in die 1920er folgt, anderes angesagt: alte Tanzformen, Genrebilder und eine beschauliche „Burgundische Suite“. An Michael Schöchs angenehm ruhig-besinnlichem, durchsichtigem und untheatralischem Spiel – geschmeidige Legati, wohl abgestimmte Registerstaffelungen – liegt es nicht und ebenso wenig an der (bei normaler Stereo-Wiedergabe) tadellosen Aufnahmetechnik, dass man als Hörer hier kaum so recht in Wallung geraten kann: Im Angebotenen sind einfach zu wenige echte Aufreger. Selbst Viernes „Nachtgeister“ (so ein Satz aus den „Airs de danse“) bleiben gänzlich undämonisch: Man hört und sieht sich eher von lästigem Kleingetier oder den Folgen zu viel genossener Prozente eingekreist. Insgesamt eher etwas zum erholsamen Sich-Fallenlassen. Gerald Felber

Louis Vierne: Klavierwerke Vol. 1
Suite Bourguignonne op. 17, Trois Nocturnes op. 34 u.a.
Michael Schöch
Musikproduktion Dabringhaus und Grimm
MDG 904 2392-6 (SACD)
