Originalität unterm Brennglas

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Das Kuss Quartett nimmt Mozarts Streichquintette auf – und dazu Miniaturen von heute

Foto: Rüdiger Schestag

Das Kuss Quartett gehört seit mittlerweile 35 Jahren zur Weltspitze der Kammermusikszene und ist bekannt für seine außergewöhnlichen Konzeptprogramme und eindringlichen Einspielungen. In ihren verschiedenen Projekten schlagen die vier Musiker Jana Kuss (Violine), Oliver Wille (Violine), William Coleman (Bratsche) und Mikayel Hakhnazaryan (Cello) konsequent den Bogen in die Gegenwart und setzen sich für zeitgenössische Komponisten ein. Das ist auch bei ihrem jüngsten Projekt der Fall, einer Gesamteinspielung der Streichquintette von Mozart mit unterschiedlichen Bratschisten, die sie durch zeitgenössische Miniaturen ergänzen. Im April erscheint das erste von drei Alben mit den Streichquintetten Nr. 1 und 4. Als Gast ergänzt diesmal die Bratschistin Muriel Razavi das Ensemble. Ein Gespräch mit der ersten Geigerin Jana Kuss – über Mozarts Kunst der Überraschung, ungeahnte Entdeckungen in der Partitur und das Einswerden mit der Musik.

Frau Kuss, über Mozarts Musik gibt es das Bonmot, dass sie „zu leicht für Kinder und zu schwer für Erwachsene“ sei, derart verspielt und tiefsinnig zugleich kommt sie daher. Wie erleben Sie Mozarts Tonsprache?

Für mich berührt Mozart die ganze Vielfalt an Emotionen, die man als Mensch überhaupt empfinden kann. Er drückt sie so intensiv aus, dass man unmittelbar berührt ist und entweder lachen oder weinen möchte. In gewisser Weise ist bei Mozart alles verstärkt wie unter einem Brennglas. Gleichzeitig ist da diese wunderbare Leichtigkeit. Das ist absolut einmalig und schwer zu fassen. Ich bin auch eine große Verehrerin von Beethoven, dessen Werke ebenfalls extrem persönlich und menschlich sind. Aber bei Mozart gibt es noch eine andere Sphäre, die einen einfach nur staunen lässt. Erst recht, wenn man sich die Partitur anschaut.

Was haben Sie in seinem Notentext entdeckt?

Seine Art zu komponieren ist derart raffiniert! Gerade beim Umgang mit dem thematischen Material beweist Mozart unglaublich viel Fantasie, und es ist faszinierend, wie er variiert, etwas scheinbar aufgreift und dann doch wieder anders weiterspinnt… Das macht seine Musik so lebendig. Dabei hat er sichtlich Freude daran, sich selbst und uns alle immer wieder zu überraschen. 

Welche Geschichte verbindet das Kuss-Quartett mit den Streichquintetten von Mozart?

Mozarts Quintette haben uns schon ziemlich früh beschäftigt und sind uns sehr nahe. Wir haben sie in verschiedenen Phasen unseres Zusammenspiels immer wieder aufs Programm gesetzt und sie sind mit der Zeit gewachsen. Bevor man eine Aufnahme macht, überlegt man ja sehr genau, welches Repertoire man verewigen möchte und stellt elementare Fragen: Was macht unsere Arbeit aus? Wo haben wir als Ensemble etwas zu sagen? Bei Mozarts Quintetten ist das definitiv der Fall. 

Die Quintette wurden bereits unzählige Male eingespielt. Was hat Sie daran gereizt, eine weitere Version aufzunehmen?

Es war der tiefe Blick in die Partitur und der Reiz, vielleicht noch ein paar Dinge zu finden, die wir bisher auf anderen Aufnahmen oder in Konzerten noch nicht so bewusst gehört haben. Natürlich ist es schwer, Live-Konzerte mit Aufnahmen gleichzusetzen. Allerdings haben wir mittlerweile schon viel Erfahrung damit. 2019 haben wir zum Beispiel die Beethoven-Quartette live aufgenommen und uns damals fest vorgenommen: egal, ob Aufnahme oder nicht – wir wollen so frei und spontan wie möglich spielen, um alles, was uns an dieser Musik bewegt und fasziniert, auch auf der CD zu haben. Das ist auch bei Mozart unser Anspruch, obwohl es Studioaufnahmen sind. 

Fürs erste Album haben Sie zwei ganz unterschiedliche Werke eingespielt: das Quintett B-Dur KV 174 und das in g-Moll KV 516. Wie kam es zu dieser Kombination?

Wir wollten zeigen, welche musikalische Reise Mozart innerhalb von nur 15 Jahren zurückgelegt hat – die Entwicklung ist wirklich faszinierend. Das Quintett in B-Dur hat er mit gerade mal 17 komponiert, und das hört man. Das Stück klingt frisch, fast unbescholten und überhaupt nicht vergeistigt. Man spürt darin den jungen Komponisten, der schon sehr viel kann, aber es ist weniger überwältigend und gewichtig als die späteren Werke, viel eher wie ein bezauberndes Divertimento. Hier ist alles noch ein bisschen übersichtlicher und dabei ausgesprochen musikantisch und grazil. Das g-Moll-Quintett ist eine völlig andere Hausnummer.

Wie würden Sie den Charakter dieses Stücks beschreiben?

Mozart hat das Stück in einer Zeit geschrieben, in der es ihm wohl nicht sehr gut ging. In dem Werk spiegelt sich eine Art von Traurigkeit, die nur er so komponieren konnte. Sie ist ohne jede Plattitüde, aber unglaublich bewegend. Das Menuett ist alles andere als klassisch und überrascht mit eigenartigen schweren Schlägen auf unerwarteten Zeiten, danach folgt der melancholische langsame Satz, der wie ein Weinen wirkt, das irgendwann Flügel bekommt und sich erheben möchte. Der vierte Satz beginnt dann mit einem Adagio, das noch einmal trauriger ist und einem Rezitativ gleicht, bei dem die erste Geige ergreifend singt und klagt. Bevor dann endlich ein sehr lustiges Allegro abwechslungsreich das Stück beschließt. Wie Mozart hier auf einmal die Wende schafft, ist jedes Mal aufs Neue völlig irre. 

Als Interpretin sind Sie einerseits direkt berührt von diesen Emotionen, gleichzeitig müssen Sie die intellektuelle Distanz wahren, um die Stücke spielen zu können. Wie erleben Sie diesen Balanceakt?

Wenn das Verständnis der Partitur und die eigene Empfindung miteinander verschmelzen, sind das die beglückendsten Momente überhaupt. Das fühlt sich an wie die pure und einzige Wahrheit. Die Musik geht dann durch den kompletten Körper – man selbst ist in diesem Augenblick die Musik. Das macht mir die Arbeit mit der Musik so reich, und diesen Zustand gemeinsam mit meinen Kollegen zu ergründen, ist fantastisch. Dazu muss man einander extrem vertrauen und gleichzeitig zulassen, dass etwas völlig Unerwartetes passiert.

Auf Ihren Alben kombinieren Sie jeweils ein Streichquintett von Mozart mit einem kurzen zeitgenössischen Quartett. Was ist die Idee dahinter?

Wie bei vielen unserer Projekte wollten wir gerne eine Korrespondenz zu heute haben. So entstand die Idee, dass wir bekannte Komponisten darum bitten, als Ergänzung der Quintette eine musikalische Postkarte an Mozart zu schreiben. Wir wollten das nicht zu akademisch anlegen, deshalb mussten sie sich dabei nicht speziell auf ein Quintett beziehen, sondern generell auf Mozart als Komponisten, auf eine Energie, die sie bei ihm wahrnehmen, eine Atmosphäre oder Emotion.

Beim Stück von Matthew Shlomowitz handelt es sich um eine echte Miniatur – das Stück dauert gerade mal eine halbe Minute.

Ja, das Stück von Shlomowitz ist mit Abstand die kürzeste Auftragskomposition, die wir bisher bekommen haben. Aber dieses Werk ist so spielerisch, total auf den Punkt komponiert und dabei sehr, sehr lustig – für mich ist der Bezug zu Mozart hier ganz deutlich zu erkennen.

Das zweite zeitgenössische Werk trägt den außergewöhnlichen Titel „Ein einsames Cello hallt durch die leere Saalflucht eines ländlichen, sommerlichen Chateau“ und wurde von Manfred Trojahn komponiert. Was hat es damit auf sich?

Manfred Trojahn wurde von einem Roman von Undine 
Gruenter inspiriert, und man spürt in dem vierminütigen Stück deutlich den Opernkomponisten. Das Ganze ist sehr langsam und sehr leise gestaltet, und das Cello spielt als Hauptinstrument eine ganz zarte, melancholische Melodie. 

Die Mozart-Quintette begleiten Sie schon sehr lange, gleichzeitig haben Sie sich für die Aufnahme nochmal ganz neu und intensiv mit ihnen auseinandergesetzt. Hat Sie dabei noch etwas überrascht?

Auf jeden Fall! Wir haben uns für die Vorbereitung nochmal bewusster die Partitur angeschaut und versucht, genau nachzuvollziehen, was Mozart da macht und wie er die Sätze baut. Und ich muss zugeben, dass ich zum ersten Mal ganz im Detail erkannt habe, wie originell er hier arbeitet und wie er wirklich immer neue und andere Wendungen findet. Das ist unglaublich lustig – so, als würde er immer noch einen anderen kurzen Kommentar dazu abgeben. Für unsere Interpretation hat uns diese Erkenntnis nochmal einen anderen Zugang und eine andere Sensibilität gegeben. Wenn wir nun beim Spielen genau diese reizvollen Details und feinen Unterschiede herausarbeiten, ist das unglaublich beglückend.

Das Gespräch führte Dorothea Walchshäusl.

Mozart
Streichquintette KV 174 und KV 516

und Werke von Trojahn und Shlomowitz

Kuss Quartett, Muriel Razavi

Frisch erschienen beim Label Rubicon