Eine „rühmlich bekannte Componistin“

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Mit ihren Sinfonien war Emilie Mayer eine Ausnahmeerscheinung der Romantik

Was mag sich wohl der Stettiner Musikdirektor Carl Loewe gedacht haben, als Ende 1840 diese junge Frau bei ihm auftauchte, mit dem Ansinnen, Kompositionsunterricht zu nehmen? Mit beinahe 30 war Emilie Mayer ja sehr spät dran. Doch offenbar hatte sie sich im mecklenburgischen Friedland, wo sie am 14. Mai 1812 geboren worden war, gut vorbereiten können beim Schullehrer und Organisten Carl Driver. Was sie dem bis heute für seine Balladen bekannten Loewe an Arbeiten vorlegen konnte, muss ihn überzeugt haben. Und der Unterricht, den er ihr bis 1846 gab, trug reiche Früchte: Gleich zwei ihrer Sinfonien wurden 1847 in Stettin, eine davon sogar noch in Prag, aufgeführt.

Eine Frau, die Sinfonien komponiert? Das macht Emilie Mayer unter den komponierenden Frauen ihrer Zeit, die sich eher der Kammermusik und dem Lied widmeten, besonders. Ohne dass man dabei so weit gehen muss, sie als „Europas größte Komponistin“ zu bezeichnen, als die sie im Titel eines aktuellen Buchs erscheint. Da hätte die eine oder andere noch ein Wörtchen mitzureden. Aber eine einzigartige Künstlerin des 19. Jahrhunderts ist Emilie Mayer allemal, mit acht Sinfonien (sechs davon erhalten), fünfzehn Konzertouvertüren (sechs davon erhalten) und einem Klavierkonzert. Schade, dass man so vieles über sie nicht weiß. Warum sie zum Beispiel Orchestermusik komponierte, deren Aufführungen aber nicht wie ihre männlichen Kollegen selbst leitete. Wäre das eine zu große Zumutung für Musiker und Publikum gewesen? An mangelndem Selbstbewusstsein kann es nicht gelegen haben, wie aus zahlreichen Briefen an Verleger ebenso hervorgeht wie daraus, dass sie sich als „Componistin“ im Stettiner und später im Berliner Adressbuch eintragen ließ.

Warum sie zur Ausbildung zu Loewe wollte, lässt sich dagegen leicht erahnen: Der wirkte damals schon seit zwanzig Jahren in Stettin, und dort hatte sich ihr Bruder niedergelassen. Er war, wie bereits der Vater, Apotheker geworden und gehörte zu den Honoratioren der Stadt. Ein Status, der es Emilie erst ermöglichte, ihren Beruf zu ergreifen, denn genug Geld für ihren Lebensunterhalt konnte sie mit ihren Kompositionen nicht verdienen. Und eigenes Geld brauchte sie als unverheiratete Frau. Was uns zum nächsten Rätsel führt: Warum blieb sie zeitlebens Single? Mal wird gemutmaßt, es habe daran gelegen, dass sie sich bis zum Tode ihres Vaters um den Haushalt kümmern musste, mal wird spekuliert, sie habe sich ganz der Musik widmen wollen. Zu ihrer Familie hielt sie jedenfalls zeitlebens engen Kontakt; ein Glück für uns, denn so gelangte ihr musikalischer Nachlass über die Töchter einer Nichte an die Berliner Staatsbibliothek. Nur deswegen haben wir Kenntnis von ihren Orchesterwerken, die bis auf eine Ouvertüre ungedruckt blieben.

Das Jahr 1847 markierte so etwas wie den Abschluss von Emilie Mayers „Ausbildung“. Nicht nur wegen der ersten Aufführungen von Sinfonien und dem ersten Druck eines ihrer Werke im folgenden Jahr. Sondern auch, weil sie sich in diesem Jahr nach Berlin aufmachte, offenbar in der Hoffnung auf mehr Öffentlichkeit für ihre Musik. Eine Hoffnung, die sich erfüllte; nicht nur in Privatkonzerten, sogar im Schauspielhaus fand sie bald ein großes und begeistertes Publikum. Auch die Presse war in zahlreichen Rezensionen wohlwollend, und sogar Liszt lobte per Brief das „musikalische Vermögen“ Mayers. Die wichtige „Vossische Zeitung“ nannte sie gar eine „rühmlich bekannte Componistin“, deren Sinfonien auch im übrigen deutschen Sprachraum gespielt wurden, etwa in München, Leipzig und Wien. 

Um ihre Musik richtig einschätzen zu können, muss man sich allerdings unbedingt von der irreführenden Bezeichnung eines „weiblichen Beethoven“ freimachen, die ihr manchmal aufgesetzt wird: Ihre Altersgenossen sind Mendelssohn (*1809), Schumann (*1810), Liszt (*1811) und Wagner (*1813). Damit fallen Mayers Sinfonien genau in die Zeit, die oft als „Krise der Sinfonie“ bezeichnet wird. Obwohl damals viele Werke geschrieben wurden, hören wir für gewöhnlich nichts des zwischen Schumann und Brahms Komponierten. Wie schade das ist, wird einem bewusst, wenn man sich die durchweg interessanten sinfonischen Werke Emilie Mayers anhört. An denen fällt gleich auf den ersten Blick die ungewöhnliche Häufung von Molltonarten auf: Die Hälfte der acht Sinfonien steht in Moll, zwei sogar in sonst wenig verwendeten, f-Moll und h-Moll. Letztere Tonart war seinerzeit in der Sinfonie ganz ungebräuchlich – Schuberts „Unvollendete“ wurde erst 1865 bekannt. Diese h-Moll-Sinfonie bezeichnete ihr Lehrer Carl Loewe als „bedeutendes und geniales Kunstwerk“, und es wurde sogar als Klavierauszug gedruckt – ein Glück, denn die Partitur des Werks ist verschollen. Diese Sinfonie ist auch heute noch für alle, die erstmals mit der Musik Emilie Mayers zu tun haben, ein guter Einstieg. 

Erstaunlicherweise beteiligte sich die fast 50-Jährige im Jahre 1860 mit einem Klaviertrio an einem Preisausschreiben für Komposition. Leider kam aber nur eine Belobigung dabei heraus. 1862 zog sie wieder zurück nach Stettin. Schon seit 1857 hatte sie offenbar keine Sinfonien mehr komponiert. Möglicherweise waren einfach ihre finanziellen Reserven erschöpft – Reisen und Konzerte zu organisieren war teuer. Sie verlegte sich auf die Komposition von Kammermusik, für die es einen viel größeren Markt gab und die sie zahlreich drucken ließ. 1880 ließ sie allerdings noch einmal eine Faust-Ouvertüre drucken, die nicht nur in Berlin (wo Mayer seit 1876 wieder lebte), sondern auch in Prag und Wien zu hören war. Auch ihre h-Moll-Sinfonie wurde weiter gespielt, und in Stettin stand Orchestermusik „unserer geschätzten heimischen Komponistin“ regelmäßig auf den Programmzetteln.

Nach dem Tode Emilie Mayers am 10. April 1883 in Berlin geriet ihre Musik rasch in Vergessenheit, wie immer wieder betont wird. Obwohl das eigentlich nicht besonders erwähnenswert ist, denn dasselbe passierte seinerzeit fast allen Komponisten. Oder kennen Sie Sinfonien von Kalliwoda, Taubert oder Bargiel? Umso schöner, dass mit Emilie Mayer jetzt eine Frau glänzendes Licht auf einen kaum bekannten Abschnitt der Geschichte der Sinfonie wirft.

Klemens Hippel

Mayer
Klavierkonzert, Sinfonie Nr. 1, Ouvertüren

Alexander Melnikov (Klavier), Akademie für Alte Musik Berlin, Bernhard Forck (Leitung)

Harmonia mundi