Seine Oratorien „Golgotha“ oder „Le vin herbé“ sind noch häufig im Konzert zu hören, aber Kammermusik von Frank Martin steht nur ausgesprochen selten auf den Programmen. Bis auf eine Reihe von Balladen für verschiedene Soloinstrumente und Klavier hat der Schweizer Komponist auch nur wenig Kleinbesetztes komponiert – Martin war ja ohnehin kein Vielschreiber. Aber diese wenigen Kammermusikwerke sind echte Perlen, wie etwa das melancholische, kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Klavierquintett. Die typisch Martin‘sche, meist freitonal organisierte Klanglichkeit findet sich hier schon voll ausgeprägt. In seinem 1936 uraufgeführten Streichtrio organisiert der Komponist den Tonsatz erstmals zwölftönig, ohne jedoch auf tonale Elemente zu verzichten (für Martin war Musik ohne Tonalitat wie Architektur ohne Berücksichtigung der Schwerkraft). Auch dieses dichte, klanglich opulente Werk hätte sehr viel mehr Beachtung verdient. Ilona Timchenko und das Utrecht String Quartet erweisen sich als wahrer Glücksfall in Sachen Martin, was klangliche Ausgewogenheit, exaktes Zusammenspiel und das enorme, hier geforderte Ausdrucksspektrum betrifft. Martin Demmler

Frank Martin: Kammermusik
Ilona Timchenko (Klavier), Utrecht String Quartet
Musikproduktion Dabringhaus und Grimm
MDG 603 2388-2
