Halsbrecherisch

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Aurelia Vişovan spielt Liszts 12 Grandes Études auf einem historischen Flügel

Foto: PR

Franzs Liszts „Études d’exécution transcendante“ gelten als einer der schwersten Prüfsteine für Pianisten, nur wer souverän über den virtuosen Schwierigkeiten steht, kann aus den zwölf Stücken auch „wirklich“ Musik machen. Aurelia ViŞovan, gebürtige Rumänin und Professorin in Nürnberg, hat nun die noch viel schwerere frühere Version, die „Douze Grandes Études“ von 1837 aufgenommen – auf dem Steingraeber-Flügel, den auch Liszt in Bayreuth häufig gespielt hat.

„Ich bin total verliebt in Franz Liszt und seine Musik und denke, es ist ungerecht, dass er von vielen Menschen als leerer Virtuose angesehen wird. Und ich finde, sogar in seinen Etüden steckt unglaublich viel Musik und Poesie und Philosophie. Zuerst wollte ich die Transzendentalen Etüden aufnehmen, und zwar auf einem historischen Instrument. Aber dann habe ich bei meinen Recherchen entdeckt, dass Liszt in der früheren Fassung eine Notation verwendet hat, die er danach wieder aufgegeben hat. Da zeigt er uns mit ein paar Strichen, wie man mit der Zeit umgehen soll, das ist viel präziser als Accellerando und Ritardando und all diese Zeichen. Das fand ich aus historischer und musikwissenschaftlicher Sicht sehr spannend.

Interessanterweise spielen viele Pianisten bestimmte Stellen in den Transzendentalen Etüden genau umgekehrt von dem, wie es in den Zwölf Etüden angegeben ist. Da werden Pianisten schneller, wo es eigentlich langsamer werden soll. Und wo die Pianisten sich Zeit nehmen, möchte Liszt eigentlich, dass es nach vorn geht.

Die meisten Etüden sind in der früheren Fassung länger – und viel anspruchsvoller und komplizierter, was die Figurationen, die Begleitfiguren angeht. Liszt hat vieles vereinfacht, damit es spielbarer wird und trotzdem einen Effekt macht. Die Nummer 6 zum Beispiel ist beim Hören fast gleich, aufgeschrieben ist sie allerdings in der früheren Fassung teilweise nur für die linke Hand. Und dann ist sie deutlich schwerer zu spielen als mit beiden Händen.

Aber im Kern sind es dieselben Ideen. Es gibt sogar drei Fassungen. Die allererste hat Liszt 1826, mit 15 Jahren, geschrieben. Die sind ziemlich einfach zu spielen. In der zweiten Fassung 13 Jahre später hat er dann die technischen Schwierigkeiten hinzugegeben, diese Fassung fand Robert Schumann viel zu schwer. Und die dritte Fassung, wiederum zwölf Jahre später, ist dann sozusagen der Mittelweg. Sie ist schwer, aber spielbar. Musikalisch finde ich sie alle unglaublich gehaltvoll. 

Diese Zwölf großen Etüden sind das schwerste, was ich je gespielt habe. Natürlich habt mich das auch gereizt, man will ja doch sehen, wo die eigenen Grenzen liegen, und es gibt kaum Aufnahmen. Aber wäre es nicht musikalisch so gehaltvoll, hätte ich das nicht gemacht.

Der Steingraeber, auf dem ich aufgenommen habe, ist viel filigraner im Klang als ein moderner Flügel. Mich faszinieren die historischen Instrumente, weil man sich wirklich vorstellen kann, wie es damals geklungen hat. Was vom Klang oder dem Gefühl an den Tasten hat die Komponisten inspiriert, so zu schreiben, wie sie geschrieben haben? Man versteht sofort, warum zum Beispiel Mozart die hohen Töne nicht nutzt oder warum einige Effekte im Bass liegen und nicht im Diskant. Und manche Sachen sind absichtlich so gemacht, damit es auf einem bestimmten Instrument klingt. Das muss man dann auf das moderne Klavier übertragen. – Was ich auch sehr mag, ist, dass jedes historische Instrument anders ist. Wenn man an ein historisches Instrument geht, weiß man nie, wie viele Tasten es hat, wie viele Pedale auf einen warten, wie schwer, wie lang, wie breit die Tasten sind. Das wurde alles standardisiert im Laufe des 20. Jahrhunderts. Ich mag diese Überraschungen, auch die Flexibilität, die man haben muss, dass man sich dem Instrument auch anpasst und mit ihm kommuniziert und schaut, was das Instrument eigentlich von mir will. Nicht nur: Es ist meine Interpretation, das Instrument muss mitmachen. Sondern es ist ein Dialog.“

Aufgezeichnet von Arnt Cobbers.

Franz Liszt

Douze Grandes Études

Aurelia Visovan (Klavier)

Erschienen beim Label Passacaille