Tomasz Kamieniak entdeckt die Musik des Hamburger Komponisten Walter Niemann

Walter Niemann, geboren 1876 in Hamburg, studierte bei Engelbert Humperdinck und Carl Reinecke, war als Musikwissenschaftler und Kritiker tätig und komponierte rund tausend Stücke, fast ausschließlich für Klavier. Nach seinem Tod 1953 geriet sein Werk völlig in Vergessenheit. Der polnische, seit langem in Berlin lebende Pianist und Komponist Tomasz Kamieniak entdeckt ihn nun neu.
Herr Kamieniak, wann sind Sie zum ersten Mal auf Niemann gestoßen?
Das ist sehr lange her. Ich hatte schon als Jugendlicher ein Faible für unbekannte Komponisten und wollte nicht nur die großen Namen spielen. Die Bibliothekarin in der Musikschule hat das gemerkt und mir erlaubt, selbst in den Noten zu stöbern. Da entdeckte ich eine Ausgabe, auf der der Name Niemann stand. Die Noten waren in sehr gutem Zustand, weil sie noch nie ausgeliehen worden waren. Ich habe mich damit ans Klavier gesetzt und mich gefragt: Warum nur kennt niemand diesen Komponisten?
Wie würden Sie Niemanns Tonsprache beschreiben?
Niemanns Musik ist spätromantisch geprägt und hat deutliche Anklänge an den Impressionismus. An manchen Stellen klingt er ein bisschen wie Debussy, gleichzeitig bezieht er sich intensiv auf die Barockmusik, benutzt Tempi aus den Barocksuiten und Tanzsätze. Überhaupt hatte er eine Vorliebe für klassische Formen. Ein besonderes Kennzeichen in seiner Musik sind parallele chromatische Tonfolgen. Ich mag es sehr, wie er die Spannung zwischen den Akkorden auskostet und verschiedenste Klangfarben schafft, es macht großen Spaß, seine Musik zu spielen. Was auch auffällt: Fast jedes Stück hat einen besonderen Titel, oft ist das ein Motto oder ein Gedicht. Niemann hat auch Stücke über Orte komponiert, die er nie besucht hat, über China, Japan oder Bali. Für mich ist das eine Musik, die duftet.
In den Noten stehen extrem viele Vortragsbezeichnungen.
Niemann hat versucht, ganz genau zu beschreiben, wie etwas gespielt werden soll. Ich habe natürlich versucht, das möglichst umzusetzen. Aber manchmal sind die Anmerkungen wirklich zu viel oder sogar widersprüchlich. Dann soll gleichzeitig ein Crescendo und ein Diminuendo gespielt werden, oder es stehen Akzente auf gebundenen Noten. In solchen Fällen habe ich abgewogen.
Aus fast zweihundert Zyklen und Einzelwerken haben Sie fünf für Ihr neues Album ausgewählt. Warum diese fünf?
Ich wollte ein möglichst vielseitiges Programm einspielen. Im dem stilvollen Stück „Epheu und Rosen“ spürt man einen starken Bezug zu Johannes Brahms, die Sonate für Klavier Nr. 12 ist ein sehr reizvolles Beispiel für seine Klaviersonaten. Bei den „Waldbildern aus dem Fichtelgebirge“ handelt es sich um klangschöne Miniaturen, während im Zyklus „Porzellan. Figuren und Bilder aus berühmten Manufakturen“ einzelne Kunstwerke musikalisch beschrieben werden. Ein besonderes Stück ist auch das Ständchen Es-Dur op. 67. Als ich es zum ersten Mal gespielt habe, musste ich sofort an die Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach denken.
Warum ist Niemann so wenig bekannt?
Ich denke, das ist ein auch der Zeit geschuldet, in der er lebte. Während um ihn herum die musikalische Revolution passierte und Leute wie John Cage, Prokofjew oder George Antheil völlig neu dachten, hielt Niemann am alten Stil fest und wurde wohl nicht mehr so ernst genommen. Ich hoffe, ich kann seine Musik mit meinen Alben bekannter machen.
Das Interview führte Dorothea Walchshäusl.

Walter Niemann
Klaviermusik Vol. 3
Tomas Kamieniak
frisch erschienen bei Toccata Classics
